Wer sich mal eine Zeit lang im mathematischen Beweisen oder im experimentellen Beantworten wissenschaftlicher Fragestellungen üben musste der hat wohl auch dieses interessante, immer wiederkehrende Muster entdeckt: geniale Lösungen sind die kurzen, und kurz wird eine Lösung wenn man einen einfach zu untersuchenden, zentralen Parameter erkennt. Interessant finde ich, das auch im Bereich der Beziehung zu Gott zu versuchen (mit der Betonung auf »Versuch«, nicht »interessant«) …

Zu viele(n) praktische(n) Fragen im praktischen Christsein

Viele Fragen im praktischen Leben drehen sich um Handlungen: »Darf ich …?«, »Muss ich …?«, »Will Gott von mir …?«. Um diese Fragen gleichzeitig und »genial kurz« zu beantworten wird hier die »Existenz von Formfehlern« als zentraler Parameter gewählt: kann man sich Gott gegenüber »formal falsch« verhalten? What do I mean? Ich setze hier einander gegenüber:

  • moralisch falsch: jede lieblose Handlung und jeder lieblose Gedanke
  • formal falsch: eine aus Liebe motivierte Handlung oder ein aus Liebe motivierter Gedanke der trotzdem falsch ist

Die Formulierung »formal« kommt daher dass es bei diesen Fragen um die äußere Form, um die Handlung selbst geht, nicht bloß um die richtige Motivation dahinter. Die Frage ist nun: gibt es formal falsches Verhalten gegenüber Gott? Die These hier: nein, gibt es nicht. Praktisch heißt das: der Christ suche Liebe, nicht Taten. Die Liebe sucht Taten, nicht der Christ.

Man mag nun versuchen das per Reductio ad absurdum zu widerlegen, etwa so: wenn es keine Formfehler gibt kann ich ja tun was ich will solange ich bloß aus Liebe handele; ich könnte also Gottes konkrete Anweisungen für mein Leben ignorieren und aus Liebe etwas anderes tun und würde keinen Fehler machen; weil das aber doch ein Fehler ist muss es eben doch Formfehler geben, qed. Aber: wer eine konkrete Anweisung Gottes bewusst ignoriert handelt nicht aus Liebe zu Gott! Ob man aus Liebe handelt ist subjektiv nicht immer feststellbar.

Eine nicht-logische Untersuchung: Gibt es »formal falsch« gegenüber Gott?

Und wie wäre zu begründen dass man Gott gegenüber keine Formfehler machen kann? Interessant finde ich folgenden Versuch (wieder mit der Betonung auf »Versuch« …): keinen logischen Beweis über Bibelversen zu führen sondern anhand etlicher Beispiele eine generelle Tendenz zu erkennen.

Logische Beweise haben nämlich ein Problem: sie führen nur zum richtigen Ergebnis wenn man von richtigen Aussagen ausgeht. Betrachtet man einzelne Bibelverse für sich allein ist ihre genaue Bedeutung aber nicht völlig offensichtlich sondern (in Grenzen) diskutabel … und schon geringe Abweichungen führen in einer Beweiskette zu ganz anderen Ergebnissen. das richtige Ergebnis erhält man aber nur wenn man von vollständig richtigen Aussagen ausgeht. Als Beispiel dafür dass wir selbst bei intensivem Studium die Bedeutung der einzelnen Verse nicht genau genug kennen um einen korrekten logischen Beweis zu führen kann “The Great Disappointment” dienen.

Die Bibel ist sozusagen die falsche Textform um einzelne Verse auf logische Beweisketten aufzufädeln. Eine Alternative ist, die Gesamtaussage zu betrachten, d.h. im Idealfall alle Bibelverse gleichzeitig zu betrachten. Wenn die Gesamtaussage eindeutig genug ist bildet sie eine gute Grundlage um auch die Bedeutung einzelner schwieriger Verse mit guter Wahrscheinlichkeit angeben zu können. Und eine eindeutige Gesamtaussage ist auch »immun« gegen jede anderslautende logische Herleitung mit Hilfe einzelner Bibelverse – sofern ihre Aussage zu einer gegebenen Frage eindeutig ist, ist diese vorzuziehen gegenüber »waghalsigen« Schlussfolgerungen aus Einzelversen weil die »Gesamtaussage« dieser Einzelverse eben nicht eindeutig ist.

Also dann: hier ist eine Sammlung relevanter von Textstellen aus dem Neuen Testament, noch ungefiltert, also ohne den Zweck eine bestimmte Gesamtaussage zu ergeben. Eine Gesamt-Aussage ändert sich schließlich nicht wenn das Ausgangsmaterial auch unverständliche oder missverständliche Texte enthält. Die Gesamtaussage nun herauszufinden bleibt vorerst eine Übung für den Leser … feedback welcome.

  1. Röm.13,8-10 (Kontext: Röm.13,1-10) (Liebe als Erfüllung des Gesetzes)
  2. Gal.5,1-16 (Kontext: Gal.5,1-25) (Umgang mit judaisierenden Lehrern, Freiheit und Gesetz)
  3. Apg.15,10-11.19-21 (Kontext: Apg.15,1-31) (Umgang von Heidenchristen mit religiösem Gesetz)
  4. Mt.22,35-40 (an der Liebe hängt einfach alles)
  5. Apg.3,24-26 (Kontext: Apg.3,1-4,4) (Jesus’ Auftrag)
  6. Jak.2,12-26 (Kontext: Jak.2,1-26) (Glaube und Werke)
  7. Ps.19,1-14 (Qualität dessen was Gott will)
  8. Lk.10,25-37 (Die Frage nach dem größten Gebot, und die Story vom barmherzigen Samariter)
  9. Joh.14,15-24 (Kontext: Joh.13,21-14,31) (Liebe zu Jesus ausdrücken)
  10. Röm.11,5-7 (Kontext: Röm.9,1-11,36) (Gnade und Werke in Bezug auf die Israeliten)
  11. Gal.3,1-23 (Kontext: Gal.3,1-29) (der Gegensatz von Gesetz und Gnade)
  12. Eph.5,1-21 (Kontext: Eph.5,1-6,9) (was Gott für Menschen will)
  13. Eph.2,1-22 (Kontext: Eph.1,1-2,22) (kein Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen durch Gottes Gnade)
  14. 1.Tim.1,5-10 (Kontext: 1.Tim.1,5-11) (das Endziel des Glaubens, und die Aufgabe des Gesetzes)
  15. 1.Kor.13,1-13 (der Song auf die Liebe)
  16. Joh.13,34-35 (nur die Liebe ist das neue Gebot)
  17. Jak.2,8 (Kontext: Jak.2,1-26) (Liebe ist das Höchste)
  18. Spr.1,1-4,27 (Weisheit suchen)

Kritik der Untersuchung

Der in diesem Artikel verfolgte Ansatz ist noch nicht ideal weil er sich folgender Kritik stellen muss:

  • Die Argumentation verwendet die Einteilung in die Kategorien »moralisch falsch« und »formal falsch« ohne zu begründen dass sich diese Einteilung auch in der Realität wiederfindet.
  • Wenn Liebe als Motivation einer Handlung subjektiv nicht immer feststellbar ist (wie oben angenommen) so hilft diese Untersuchung nur zur richtigen Ausrichtung (auf Liebe, nicht Taten) aber nicht dazu Fehler zu erkennen. Dazu reicht es nicht zu wissen dass es keine Formfehler gibt, man muss auch die moralischen Fehler erkennen können.
  • Der Ansatz dieses Artikels ist evtl. zu pauschal da es auch im NT noch (ein paar ganz wenige) von Gott selbst vorgeschriebene Ausdrucksformen des Glaubens gibt: Abendmahl und Taufe. Viele andere Vorschriften für die äußere Form kann man auch verstehen als autoritative Aussagen von Menschen über das was in einem bestimmten Kontext aus Liebe motiviertes Verhalten ist. Beispiele für Letzeres: Regeln zum Umgang mit Prophetie und Sprachenrede, zum Verhalten gegenüber Ältesten usw..
  • Eine »Gesamtsicht« verlangt eigentlich, keine einzelnen Bibelstellen zu zitieren wie hier, sondern jede Stelle mit ihrem gesamten Kontext zu verwenden, also eigentlich die Bibel als Ganzes. Wie kann man sich dem praktisch annähern, da man doch nur über einen Teil gleichzeitig kommunizieren kann?
  • Wie viele Diskurse hat dieser ein »falsches Thema«, d.h. etwas Falsches zum Thema: es wird begründet warum etwas falsch ist, hier die Auffassung es gebe »Formfehler in der Beziehung zu Gott«. Viel wertvoller ist es, aus den dafür verwendeten Buchstaben einen Text zu formen der das Richtige darstellt: Jesus, wie er ist. Simply this. Full stop.

Datum: 2007-08-06
Letzte bedeutsame Änderung: 2007-08-09

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