Nichtalltag = soziale Ekstase

Es ist eine interessante Beobachtung dass es »außergewöhnliche Bewusstseinszustände« nicht nur beim Bewusstsein eines Individuums gibt sondern (in einem analogen Sinn) auch beim kollektiven Bewusstsein einer sozialen Gruppe oder ganzen Gesellschaft. Beispiele dafür:

  • Die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006. Viele Deutsche berichten dass ihnen das Kollektivbewusstsein der Deutschen in dieser Zeit besonders gefiel: fremde Menschen redeten miteinander, die Menschen interessierten sich füreinander, die Menschen sprachen auf der Straße einander einfach an und es war nicht mehr wie sonst meist ein »Tabubruch«.
  • Die Flutkatastrophe in Ostdeutschland. Eine ähnliche Erscheinung: es lag ein besonderer »Gemeinschaftsgeist« in der Luft, die Menschen in den betroffenen Gebieten redeten auf der Straße miteinander, jeder hatte etwas zu sagen und beizutragen.
  • Im kleinsten sozialen Rahmen gibt es das auch: Verliebtsein könnte man als solch einen Zustand sozialer Ekstase betrachten. Kennzeichen ist wieder dass Prioritäten gegenüber dem Alltag Kopf stehen.

Nun folgt eine Vermutung: der Beginn von Erweckungsbewegungen und der Beginn verschiedener Gemeinderichtungen war genauso durch solche »soziale Ekstase« bestimmt. Zum Beispiel der Beginn der Pfingstbewegung: die Menschen gingen wochenlang nicht mehr zur Arbeit, alle bisherigen und so lange Jahre erlernten Prioritäten standen Kopf. Oder zum Beispiel der Beginn der ersten Gemeinde in Jerusalem: Menschen die sich bisher nicht kannten interessierten sich füreinander, teilten alles miteinander. Diese Liebe untereinander stellte die bisherigen Werte auf den Kopf: dass sich jeder zuerst um sein eigenes Auskommen sorgen muss galt plötzlich nicht mehr. Ein weiteres Beispiel: wenn Menschen ein »persönliches Erwecktwerden« im Glauben erleben dann ist die Beziehung zu Gott in »sozialer Ekstase«, wieder stehen Werte völlig Kopf, solche Menschen sind oft auch völlig locker und unverklemmt, gegenüber Fremden völlig enthusiastisch bzgl. Gott, ohne Furcht vor deren Reaktionen.

Und nun folgt eine Frage: Will Gott diese Zustände? Will der Heilige Geist dass solche »soziale Ekstase« dauerhaft ist, der Normalzustand? Ist das Liebe in der Gemeinde die andere anzieht und beeindruckt, Leben im Geist?

Und noch weitere Fragen: Wie kann soziale Ekstase zum Dauerzustand werden, wo doch zu beobachten ist dass der Mensch vermutlich durch seine Trägheit und Gewohnheiten stets sehr schnell zur »Normalität« zurückkehrt? Und was sind überhaupt die Bedingungen damit soziale Ekstase entsteht? Ist sie »machbar«? Ist geistlich bedingte »soziale Ekstase« aber ebenfalls machbar, oder macht man dann bloß den Effekt durch menschliche Begeisterungsfähigkeit nach während man das Wesen (und damit eine potentielle Nachhaltigkeit) nicht selbst erzeugen kann?

Und nun mein Bekenntnis: wenn ich »Gemeinschaft«, »Liebe untereinander« und »ideale Gemeinde« sage dann meine ich stets und seit langem solche Zustände sozialer Ekstase … echte Gemeinschaft, Liebe und Gemeinde sind hundertmal intensiver als der Alltag pflege ich zu sagen. Ich suche nach diesen Zuständen als Dauerzustand, als Normalität, habe sie aber nur in kleinsten Ansätzen überhaupt jemals erlebt. Den Alltag (= soziale Nicht-Ekstase) finde ich absolut langweilig und wertlos, sein Wertsystem gar nicht lebenswert. Entsprechend unzufrieden bin ich oft.

Meine Suche nach sozialer Ekstase drückt sich zur Zeit in meinem Interesse an Community aus: ich vermute und hoffe, dort soziale Ekstase erleben zu können. (Vermutlich werde ich enttäuscht … so einfach ist das nicht zu finden, der Normalfall ist auch in Gruppen zuerst einmal der Alltag, in dem »volle Liebe und Gemeinschaft« durch ego-zentrierte Bedenken am Entfalten gehindert wird.)

Eine abschließende Beobachtung: mit meiner Suche bin ich nicht allein. Viele viele Songs besingen das: das Nicht-Alltägliche, das Besondere, Übernatürliche, Glück, Flow statt Ödheit usw..

Soziale Ekstase (bzw. mindestens starkes Zusammengehörigkeitsgefühl) wird durch Aktionen gestärkt die »zusammenschweißen«. Das sind insbesondere solche in denen man gemeinsam eine Gefahr übersteht. Wenn ich solche Gemeinschaft suche könnte es also angemessen sein, mit einer Gruppe anderer zusammen eine Weltreise zu unternehmen.

(Nachtrag 2007-06-08, Anlass zu diesen Gedanken war nämlich folgendes kleine Erlebnis: auf der Gemeindefreizeit mussten wir als Wanderer zusammen im Feldbergturm Schutz vor Gewitter und Regen suchen.)


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