Wage ich mich mal, ein wenig alternativ zu Community zu denken. Was ist die ideale Zahl Menschen in einer Beziehung? Das hängt davon ab was die ideale Beziehung charakterisiert.

Wenn das Verstehen und Verstandenwerden, Kommunikation, die Erfahrung des Geliebtseins, Stabilität und Treue sind: dann ist 2 die ideale Beziehungsgröße, denn es ist die intensivste mögliche Beziehungsform weil die Partner am meisten Zeit füreinander haben können. Denn die Zeit gilt nur einem Partner, muss nicht auf mehrere andere aufgeteilt werden.

Wenn das aber Charakterschulung, Dienst aneinander, gegenseitige Unterstützung, Kampf, Gemeindebau, Heiligung und Dynamik (»Verbesserung«, ausgehend von einer unbefriedigenden Gesamtlage) sind: dann ist eine deutlich höhere Zahl die ideale Beziehungsgröße. Denn hier gibt es viele unterschiedliche Begabungen, also auch mehr Synergien usw.. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein dass die Beziehungen der Community nie die Tiefe und das Verständnis erreichen werden wie es z.B. in einer Ehe möglich ist.

Beobachtung: Das »Funktionieren« einer Gemeinde hängt ganz wesentlich vom Gemeinderaum ab: seiner Gestaltung, den Möglichkeiten darin, seinem Stil, seiner Einrichtung, seiner Entfernung. Weil Gemeinde im Gemeinderaum stattfindet ist der Gemeinderaum das »Behavior Setting« das Gemeinde zum Funktionieren bringt. Oder eben auch nicht. Gemeinden die eigene Gemeinderäume haben bleiben bestehen weil diese Räumlichkeiten bestehen bleiben. Oft nur deshalb. Gemeinden ohne eigene oder sonst geeignete Räumlichkeiten gehen ein. Auf jeden Fall darf man sich als Gemeinde durchaus eingestehen dass der Raum einen enormen Einfluss auf z.B. die Gemeinschaft der Gemeinde hat. Denn so ist es (… bleibt die Frage ob das tatsächlich Gemeinschaft ist was nur besteht wenn es zufällig eine Möglichkeit dazu gibt).

Außerdem hängt das »Funktionieren« einer Gemeinde ganz wesentlich von der Begeisterung der einzelnen Mitglieder und einer »kritischen Masse« ab.

Das beides beschrieb das Funktionieren einer Gemeinde als soziale Gruppe. Diese Aspekte finden sich in jeder sozialen Gruppe. Mindestens zu Beginn funktioniert eine Gemeinde so. Bis der menschliche Enthusiasmus aufhört, die kritische Masse unterschritten wird und das Environment Setting versagt. Das letzte passiert leider zu selten, deshalb existieren viele Gemeinden zu lange, als Hülsen.

Ist das aber alles? Wo ist Gott, der Heilige Geist, das Übernatürliche? Was tut Gott in der Gemeinde? Solange man beobachtet dass eine Gemeinde aufgrund des Behvior Settings und der Gruppendynamik funktionert ist das tatsächlich alles. Da hat Gott noch nichts getan und musste nichts tun um die Gemeinde zusammen zu halten. Erst wenn das alles aufgehört hat, erst danach: dann beginnt »geistliche Gemeinde«, das was mehr ist als ein Club. Leider erlebt man das heute kaum noch weil eine Gemeinde aufgelöst wird wenn sie scheinbar »nicht mehr funktioniert«.

Was würde »danach« passieren? Man sollte sich an den Gedanken gewöhnen dass das Wirken Gottes, das dann beginnt, völlig unspektakulär aber sehr, sehr tief ist. Das Übernatürliche daran ist: Menschen bleiben zusammen eine Gemeinde obwohl es, menschlich gesehen, keinen Grund (mehr) dazu gibt.

Diese Tage lerne ich den Alltag neu hassen. Das ist kein Leben, kein Zustand. Das ist Mangelernährung des inneren Menschen: Warum sehnt sich der Mensch nach Gemeinschaft? Und was ist Gemeinschaft überhaupt?

Gemeinschaft ist nicht einfach das Zusammensein oder Zusammenarbeiten von Personen. Sondern gelebte, erfahrbare Liebe, Liebe in »flow state«: gleichzeitig fordernd (zu lieben) und erfüllend (geliebt zu werden), zusammengenommen lebenswert, in sehr kurzen Zyklen, und den ganzen Tag erfahrbar. Und weil Liebe gut ist, weil Gott Liebe ist, deshalb sehnt sich der Mensch nach Gemeinschaft wo er Liebe erfährt.

Das Ideal für ein erfülltes, lebenswertes Leben ist »agape flow state«: Leben aus und von der Liebe, lieben und geliebt werden, für immer und ewig. Dazu ist Gemeinschaft notwendig, denn nur Personen können lieben. Vermutlich ist es dies was Gott von und für uns will, worin er selbst lebt und wonach er sicht sehnt: Gemeinschaft im Sinn von »agape flow state«. Und wenn in der Bibel steht dass die Liebe nie vergeht (1.Kor.13,8) dann bedeutet das: agape flow state for ever and ever.

Und deshalb sehne ich mich nach Community. Mittlerweile so sehr dass ich dafür jetzt auch alles Prestige im Beruf aufgeben würde / werde. Zum Beispiel könnte ich ja eine universitäre Karriere einschlagen und eines Tages Professor werden … aber ab heute gilt, ich tue so etwas nur wenn das mit Community problemlos kombinierbar ist. Prof sein macht das Leben nicht lebenswert, Community schon. Wenn das Community möglich macht werde ich mich freudig zufrieden geben mit einem prestigelosen IT-Beruf, etwa Programmierer in einer Community-eigenen IT-Firma. Egal, alles, wenn ich nur Leben erleben darf, d.i. erfahrbare Liebe in Community!!!!

Es kann nicht sein dass die Tätigkeit in Gemeinde hauptsächlich bloße Lehre ist, Beschäftigung mit der Bibel und so weiter. Wenn das so ist dann wird Gemeinde mit einem in sich selbst wertlosen Ziel gebaut. Denn Lehre ist nicht Selbstzweck und es ist armselig wenn das Ziel von Gemeinde theologisch ausgebildete aber unveränderte Menschen sind.

Genau wie beim Studieren ist das Internet der bessere Lehrer wenn es um reine Lehre geht. Vorträge vor der Gemeinde usw. sind eine Verschwendung der kostbaren Zeit in der man zusammen ist. Es ist armselig wenn die ganze Leistung einer Gemeinde daraus besteht einer lokal begrenzten Gruppe Vorträge anzubieten während das Internet dieselben Vorträge der ganzen Welt anbietet. Stattdessen muss es in Gemeinde um Jüngerschaft, Vorbild und Hilfe gehen.

Es macht also meiner Meinung nach keinen Sinn, Nichtgläubige einfach nur zu Veranstaltungen der Gemeinde einzuladen (Worship-Abend, Evangelisation, Gottesdienst, …). Das ist nicht Gemeinde. Sondern man sollte sie in die Gemeinschaft der Gläubigen einladen: in eine »Community«. Es werden sich im persönlichen Gespräch bei entsprechend langem Zusammensein genug geistliche Gespräche ergeben. Geistlichen Input muss man also nicht durch Veranstaltungsbesuche erzwingen!!

Mal eine knappe Vorstellung meiner Vision von Community … Version vom 2006-06-25. Hoffentlich werde ich bald die ersten Schritte in diese Richtung machen können! Also:

Eine Gruppe von 10 technikbegeisterten Christen lebt als Community so dass sie viel Freiheit haben um zu leben und Gott zu dienen. Dazu ist ihr Leben charakterisiert durch:

  • Beziehung mit Gott. Wird gemeinsam gepflegt.
  • Gemeinschaft. Gütergemeinschaft, Materialpool, gemeinsam essen, gemeinsam wohnen, gemeinsam entscheiden.
  • Freundschaft. Echte, tiefe Gemeinschaft; völlige Offenheit; natürlicher direkter Umgang. Inkl. gemischten Freundschaften die nicht Partnerschaften sind; das wird durch den Kontext der Gruppe vereinfacht.
  • Dienst. Dienst für Gott: in Gemeinde und zum Guten für Mitmenschen, um Jesus darzustellen.
  • Agilität. Sehr kurze Reaktions- und Aktionszeiten, Flexibilität.
  • Ausgeglichenheit. Gesunder Umgang mit sich selbst durch gutes Essen, Genießen, Freizeit, Sport, Natur.
  • Kraft. Aufgaben mit Power erledigen, fern von Ressourcenauslastung.
  • Effizienz. Technik wo immer sie sich amortisiert. Gemeinsamkeit wo immer sie synergistisch ist.
  • Kommunikation. Community Groupware.
  • Mobilität. Die community lebt in einem geländegängigen Lkw. Schnellverlegefähigkeit. Feldeinsatzfähigkeit.
  • Technischer Stil. Nur hochwertige Technik. Ausrichtung an eigenen Standards. Hohe Qualität eigener Arbeit. Geringe Komfortansprüche. Geringe technische Abhängigkeit.
  • Verdienen integriert. Die community ist gleichzeitig vielseitiges Unternehmen, im technischen Bereich.
  • Unabhängigkeit. Nicht gebunden an eine Organisation, Geldgeber oder Material von anderen.

Auf Feiern und anderen geselligen Unternehmungen kann ich mich zur Zeit nicht so richtig freuen. Denn ich betrachte gerade mein Leben und überhaupt das Menschsein in Gedanken von außen und erlaubte mir, krasser darüber zu denken als vielleicht jemals zuvor. Ein paar Statements davon (… zum Weiterentwickeln):

  • Weg mit den religiösen Traditionen. Auf einer Feier wie ich Feiern kenne wird Gott organisiert: »Lasst uns das Lied Nummer zweihundertachtundsiebzig singen.«. Noch ein Lied, eine Andacht, das war es. So etwas halte ich für bloß erlernte Religiösität … die genauso oberflächlich ist wie der Rest eines solchen Lebensstils: really small talk, blöde Witze über die man trotzdem lacht, Wertschätzung des Teuren (Autos können TEUER sein …) und soziale Beziehungen die nur ein Austausch normenkonformen Verhaltens sind, ohne jeden Tiefgang.
  • Die Probleme lösen oder sich daran vorbeifreuen? Auf geselligen Unternehmungen (auch von Gemeinden): wir spielten Volleyball, aßen und tranken, machten Witze und lachten, und wir nennen das »Gemeinschaft«. Und ich denke gleichzeitig über das Lachen: »Du bist ja verrückt, was schaffst du schon.« (vgl. Pred.2,2). Ich finde es feige, sich zu freuen während man weder das Leben verstanden hat noch einen Ansatz kennt wie man seine Probleme beantworten kann. Anders ausgedrückt: ich kann nicht verstehen wie man so im Konkreten leben kann; denn ich finde das Konkrete unwichtig. Ich kann nicht verstehen wie man sich anstrengen kann ein Spiel wie Volleyball zu gewinnen (es ist ein Spiel!), einen guten Salat zu machen (anderes ernährt auch!), zu grillen (was’n Aufwand!), Kanu zu fahren (häh?), small talk zu halten (was ‘ne Ressourcenverschwendung, wie vermeidbar!), andere nach ihrem Wohlergehen zu fragen wenn man daran sowieso nichts ändern kann (wie ziellos!), eine Feier zu machen (nur für wertlosen small talk? pfui!). Diese Art zu denken halte ich gar nicht mehr für so ungeistlich und schädlich wie bisher: »Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geiste. Denn wer in diesem dem Christus dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen bewährt.« (Röm.14,17-18). Small talk zu hassen ist typisch für Nerds [Wikipedia], und Nerds sind auch Menschen die Gott gemacht hat und für die es also einen freudvollen Lebensstil gibt. Was mich z.B. freut sind tiefe Gespräche, die weiter helfen.
  • Die Probleme der Welt am Beispiel Gemeinde. Dass wir tatsächlich das Leben nicht verstanden haben zeigt sich schon an Gemeinde: bis jetzt habe ich noch keine Gemeinde kennengelernt die nicht an der Mittelmäßigkeit des Menschseins verzweifelt. Statt dass Gemeinden voll Kraft sind ist alles kraftlos und kompliziert. Was _ist_ eigentlich Gemeinde? Im Moment ist es das effektlose Treffen von Menschen die Gott grundlos für gerecht erklärt hat. Ich glaube dass es ein Fehler ist das Gemeindeleben so an das deutsche zivilisierte Leben anzupassen; es scheint nicht anders zu gehen weil eigentlich niemand aus den Zwängen des zivilisierten Lebens herauskann. (Meine Sehnsucht ist, da gemeinsam auszubrechen: power community).

Ey folks. Wir sind selbst daran schuld wenn das Leben langweilig und farblos ist – das ist keine Eigenschaft des Christseins, das ist keine Erfordernis von Demut, das ist nicht Gottes Wille, das ist einfach persönliche Verantwortung. Wenn in Gemeinde vermittelt wird dass der Märtyrertod ein erstrebenswerter Abschluss eines christlichen Lebens ist, dann ist das mehr als fraglich: Christsein verspricht das ewige Leben und es wäre da paradox wenn es eine grundsätzlich lebensfeindliche Einstellung propagiert die sich nach dem (irdischen) Tod sehnt.

Was sagt Jesus: ist Christsein zu diesem Leben positiv eingestellt?

Wenn ja, dann hier ein kurzer Sketch für etwas was man unternehmen könnte: in der Stadtmitte ein Haus zum Third Place der Gemeinde umrüsten. Keine Vollzeit-Community, aber ein Third Place der immer offen steht. Vgl. dazu die Sozialwissenschaften zum Stichwort “Third Place”. In dem Third Place sollte höherwertige Technik als Enabler neuer sozialer Gemeinschaft und Zusammenarbeit (XC für das Gute) installiert werden: z.B. DYNAMO, “A Communal, Multi-User Surface for Sharing & Exchanging Digital Media”. Und DSL-Flatrate, Telefon-Flatrates, Telefonkonferenzen (von ganzen Sitzgruppen aus) usw..

Aber Vorsicht. Erst auf Gott hören.

Es scheint nun so: habe erkannt dass ich zu einer undurchschnittlichen Sorte Mensch gehöre (siehe Journaleintrag »bin ein Nerd« vom 2006-06-02). Das bedeutet: der Unterschied zwischen meinem und dem durchschnittlichen Lebnesstil ist keine Frage von theologischer Korrektheit sondern ein Unterschied in Vorlieben und Lebensstil. Ich darf die Vorteile meines Stils nutzen; d.h. eine Community mit anderen gründen die meinen Stil teilen. Solch eine Sorte Community kann kein Massenphänomen werden weil die Leute (INTp’s und INTj’s nach MBTI) dazu zu selten zu finden sind.