Für ein einfaches Leben müssen nicht nur Technik und Beziehungen einfach sein, was für mich Environment und Community bedeutet. Sondern auch den Glauben haben wir durch unser theologisieren und theoretisieren viel zu kompliziert gemacht.

Man sollte nun darauf verzichten etwas lehrmäßig zu sagen von dem man nicht sicher (!) ist dass es Wahrheit ist und das leben (!) von dem man sicher ist dass es Wahrheit ist. Es scheint mir in der letzten Zeit so zu sein dass die Bibel uns kein theologisches Gebäude beibringen will (»die Bibel ist kein theologisches Lehrbuch«) sondern viel viel mehr als bisher angenommen einen pragmatischen Aspekt hat. Das heißt, Gott fordert uns auf richtig zu handeln, und das ist möglich ohne dass wir ein vollständiges Denkmodell haben in das wir unser Handlen eingliedern können und ohne dass wir im absoluten Sinn wissen müssen was richtig und falsch ist. Beispiel: wenn Gott jemanden in einer Ehekrise konkret auffordert den Ehepartner zu lieben dann muss er / sie dazu nicht wissen ob es in dieser Situation auch erlaubt wäre sich scheiden zu lassen.

Um das Gute zu leben muss ich nicht wissen was schlecht wäre. Und um das Ideal zu leben muss ich nicht wissen was gut wäre.

Mit Logik kann man aus Bibelversen alles begründen, es ergibt sich eine Beliebigkeit der Aussagen. Erschreckend. Also scheint es notwendig anzuerkennen dass wir die Bibel nicht genau genug verstehen können um mit Logik daraus richtige Schlüsse zu ziehen (die Voraussetzungen auf denen unsere Logik basieren könnte sind uns nicht genau genug bekannt, und irgendetwas im gegebenen unscharfen Bereich anzunehmen ermöglicht, alles zu begründen). Also scheint es notwendig, direktes »Feedback« von Gott zu haben um die Wahrheit zu erkennen: der Heilige Geist wird es sein der in die Wahrheit leitet. Aber es muss / wird schon anders sein als all dies autosuggestive »Hören« der Stimme Gottes während es doch nur das eigene Herz ist das einen betrügt.

Folgende Gedanken kamen mir beim heutigen Besuch des Weihnachtsgottesdienstes meiner früheren Gemeinde: Wenn man selbst oder eine Gemeinde nicht erlebt, dass der Heilige Geist etwas tut, dann könnte das ja einen Grund haben der an uns selbst liegt: dass wir den Heiligen Geist betrüben, das ist, zueinander lieblos sind. Dass wir heucheln statt im Licht zu leben. Buße und Leben im Licht nämlich scheinen so enorm wichtig für eine von Gott gesegnete Gemeinde.

Nach Joh.3,16-19 scheint das Leben im Licht dasselbe zu sein wie die »Buße« bei der Bekehrung: anzuerkennen ein Sünder zu sein statt das Gegenteil zu heucheln. Es geht dabei gar nicht um Gutestun, Gehorsam usw. sondern darum anzuerkennen wie man lebt. Wie wenig wir »im Licht wandeln« zeigt sich auch daran dass für uns »Sünde« und »Schuld« inhaltsleere Konzepte sind, Fremdworte.

Gemeinschaft mit Gott und miteinander, was ist das? Das ist, wenn wir uns so sehen lassen wie wir sind. Sünde ist ja seit Jesus’ Tod nicht mehr das Problem, aber Sünde zu verbergen, denn das verhindert Bekehrung. Im Licht leben ist nun: offenbar sein, sich so sehen lassen wie man ist.

Alle Menschen bemühen sich, zuallererst äußerlich, um Gutsein, Perfektion und Heiligkeit: Christen sollten sich stattdessen dadurch auszeichnen die miese Qualität ihrer Handelns einfach mal anzuerkennen.

Der »religiöse Stil«, der einen eigenen Lebensbereich aufmacht der sich vom Rationalen abtrennt, nervt mich ab. Was ich suche ist ein vollständig nüchterner Glaube in dem Sinn dass die Glaubensinhalte vollständig ihren Platz in der Realität haben. Es darf keinen Bruch geben, keinen Unterschied in der Beschaffenheit zwischen Tatsachen die ich glaube und Tatsache die ich erfahren habe. Ebenso wie ich keine sichtbaren Tatsachen als wahr annehme wenn dazu kein ausreichender Grund vorhanden ist werde ich auch keine unsichtbaren Tatsachen (Glaubensinhalte) als wahr annehmen wenn sie nicht ausreichend begründet sind.

Es kann nicht sein dass die Tätigkeit in Gemeinde hauptsächlich bloße Lehre ist, Beschäftigung mit der Bibel und so weiter. Wenn das so ist dann wird Gemeinde mit einem in sich selbst wertlosen Ziel gebaut. Denn Lehre ist nicht Selbstzweck und es ist armselig wenn das Ziel von Gemeinde theologisch ausgebildete aber unveränderte Menschen sind.

Genau wie beim Studieren ist das Internet der bessere Lehrer wenn es um reine Lehre geht. Vorträge vor der Gemeinde usw. sind eine Verschwendung der kostbaren Zeit in der man zusammen ist. Es ist armselig wenn die ganze Leistung einer Gemeinde daraus besteht einer lokal begrenzten Gruppe Vorträge anzubieten während das Internet dieselben Vorträge der ganzen Welt anbietet. Stattdessen muss es in Gemeinde um Jüngerschaft, Vorbild und Hilfe gehen.

Es macht also meiner Meinung nach keinen Sinn, Nichtgläubige einfach nur zu Veranstaltungen der Gemeinde einzuladen (Worship-Abend, Evangelisation, Gottesdienst, …). Das ist nicht Gemeinde. Sondern man sollte sie in die Gemeinschaft der Gläubigen einladen: in eine »Community«. Es werden sich im persönlichen Gespräch bei entsprechend langem Zusammensein genug geistliche Gespräche ergeben. Geistlichen Input muss man also nicht durch Veranstaltungsbesuche erzwingen!!

Mir reicht es mit dem ewigen Theoretisieren über den Glauben. Ich will nichts mehr HÖREN, ich will Glauben endlich ERLEBEN!

Und: warum wissen wir alle so genau was die Wahrheit in Glaubensdingen ist trotz dass wir sie meist noch nicht erlebt haben?

Unseren Hauskreis hatte ich gestern mit Fragen beschwert rund um Gerechtigkeit Gottes, Wahrscheinlichkeit der Entscheidung für das Evangelium, deren Beeinflussung durch Lebensumstände und die Hölle. Am Ende habe ich dann gebetet, ich fände es cool wenn man mal in einem langen Gespräch mit Gott diese Fragen beantwortet bekäme. Es ist schon bemerkenswert dass ich diese Fragen heute tatsächlich beantwortet bekam in einem dreistündigen Gespräch; jedoch nicht mit Gott persönlich, sondern mit einem guten Freund. Sozusagen als sein Stellvertreter. Er war völlig umsonst angereist um eine Veranstaltung in der FH zu besuchen die wegen dem Halbfinalspiel der WM (Deutschland gegen Argentinien) ausgefallen war. Ob das der Fall war hatte ich gestern versucht herauszufinden, dabei in der FH jedoch nur auf die Tür des Labors und die schwarzen Bretter der Profs geachtet aber nicht auf die Tür des Professorenzimmers. Während des WM-Spiels unterhielten wir uns also und kamen auch gegen Ende dieses Spiels zu einer Lösung. Torsten hat echt eine scharfe Denke und er ist zur Zeit der Einzige mit dem ich solche Fragen besprechen kann. Hier die wichtigen Punkte des Ergebnisses:

  • Es gibt keinen Grund anzunehmen unsere Vorstellung von Logik sei die Art wie die Realität tatsächlich strukturiert ist. Es ist eine oft nützliche Art, Realität zu beschreiben. Aber sie hat Grenzen: sie erlaubt keine sicheren Extrapolationen über die Realität. Zwar ist die Realität eindeutig (auch »eindeutig unscharf« ist eindeutig), jedoch kann es sein dass logisches Schlussfolgern zu zwei widersprechenden Schlussfolgerungen führt. Auch in den Naturwissenschaften hat die Logik Grenzen: sie könnte von falschen Voraussetzungen (z.B. weil sie unerkennbar sind) ausgehen oder falsche Ableitungsregeln verwenden (z.B. wegen bisher unbekannten Naturgesetzen). Weil die Realität für unseren Verstand zu kompliziert ist werden Modelle, operative Theorien, parakonsistente Logiken und Fuzzy Logic eingeführt: sie sind sinnvoll und hilfreich als vereinfachte Sicht auf eine komplexe Realität, aber keine Logiken mehr die zu formal exakten Schlussfolgerungen führen können. Man darf also durchaus die Realität für logisch konsistent halten (d.h. es existieren keine sich widersprechenden Tatsachen), aber unsere Fähigkeit, Logik anzuwenden, begrenzt die Anwendbarkeit der Logik.
  • Eine (vielleicht die einzige) wahre Schlussfolgerung die man durch Logik erreichen kann ist: logisches Denken ist nicht hinlänglich (2. Gödel’scher Unvollständigkeitssatz). Und: wenn ein Mensch Gott ganz verstehen könnte wäre er selbst Gott in Essenz.
  • Es gibt außer Logik noch die Erfahrung um die Realität zu erkennen. Ebenso wie Logik erlaubt sie keine sicheren (i.S.v. formal exakten) Extrapolationen über die Realität. Auch in den Naturwissenschaften nicht: empirische Experimente beobachten nur was geschieht aber nicht was geschehen wird, d.h. sie können trotz aller Wiederholbakeit keine Wunder ausschließen.
  • Sicher über Gott weiß ich also nur was ich oder andere als Fakt erfahren haben. Sichere Extrapolationen gibt es nicht.
  • Aufgrund der »sicheren Fakten über Gott« (d.i. den Erfahrungen mit Gott) gibt es keinerlei Grund, Gottes Versprechen ewigen Heils in Christus zu bezweifeln: diese Frage kann eindeutig beantwortet werden weil alle Hinweise und Erfahrungen in dieselbe Richtung zeigen. Das ist sicher im Sinne eines Versprechens einer Person von der man erfahren hat dass man ihr vertrauen kann.
  • Einige Fragen bleiben offen. Zum Beispiel solche nach Gottes Gerechtigkeit: man kann argumentieren dass Gott ja definieren kann was Gerechtigkeit ist so dass er sich berechtigterweise als gerecht bezeichnet während ich als Mensch diese Handlungen ungerecht finde. Hier hilft es nicht weiter dass eine vertrauenswürdige Person ist und sich als gerecht, gut und voller Liebe bezeichnet. Denn die Frage bleibt wie diese Eigenschaften definiert sind. Diese Fragen sind offen in dem Sinn dass keine der alternativen Antworten sicher (i.S.v. formal exakt oder Versprechen einer Person) ist.
  • Solche Fragen sind also (noch) unentscheidbar. Auch wenn es bessere Hinweise in der einen oder anderen Richtung gibt sagt dass nur etwas über Wahrscheinlichkeiten aus, nicht über die Realität in diesem Einzelfall. in solchen Fällen muss man sich nicht unsicher bleiben im Sinne der quälenden Ungewissheit dass Gott doch nicht so gut ist wie man eigentlich möchte. Sondern man darf glauben: Glauben ist eine Möglichkeit, mit Fragen umzugehen in denen Zweifel möglich sind. Der Einzelne hat also das Recht, jede der beiden Alternativen zu glauben. Also auch das Recht, diejenige Alternative zu glauben die nach momentanem Verständnis keine widersprüchlichen Fakten in der Realität impliziert. Diejenige Alternative die dem eigenen momentanen (z.B. dem menschlich-äquivalenten) Verständnis von Gottes Güte, Gerechtigkeit und Liebe entspricht. Wie gut dass es nicht heilsnotwendig ist was man in diesen Fragen glaubt …
  • Konkret habe ich also das Recht die folgenden Dinge zu glauben selbst wenn die gängige Bibelauslegung dem widerpricht und damit ein Indiz in die Gegenrichtung ist:
    • Externe Umstände haben effektiv keinen Einfluss darauf ob ein Mensch in die Hölle kommt oder nicht. Denn es wäre ungerecht (nach menschlicher Definition) wenn äußere Umstände individuelles Leiden bewirken. Vgl. Körperverletzung als Analogie.
    • Es ist zwar eine Tatsache dass die Lebensumstände beeinflussen ob sich ein Mensch während seines Lebens auf der Erde für Jesus Christus entscheidet oder nicht. Das bedeutet jedoch nicht dass das ewige Schicksal dieser Person davon abhängt. Ein System zu schaffen in dem dies notwendig ist wäre ungerecht und lieblos (nach menschlicher Definition).
    • Die Erbsünde bzw. Ursünde mag zwar eine Tatsache sein, aber kein Mensch geht deshalb verloren. Es wäre ungerecht bzw. lieblos (nach menschlicher Definition) wenn Menschen dafür leiden dass sie Sünder sind obwohl sie es nicht verhindern konnten (sie wurden ja als Sünder gezeugt).
    • Es gibt keinen Menschen der in die Hölle kommt ohne dass es möglich gewesen wäre dass er errettet wird. Das wäre lieblos (nach menschlicher Definition).
    • Menschen die ihre Schuld vor Gott kennen aber den Ausweg nicht kennen (weil ihnen niemand das Evangelium gesagt hat) rettet Gott trotzdem. Es wäre ungerecht (nach menschlicher Definition) wenn Menschen verloren gehen nur weil sie nicht wissen dass alles bezahlt ist. Röm.10,8-17 schließt nicht aus dass noch andere Menschen gerettet werden als die in der dort beschriebenen Gruppe.
  • Das Problem dass es dem Anschein nach zu viele Menschen gibt die in die Hölle kommen ist nicht meines. Nur ein Teil dieses Problems ist meines.
  • Abschließend: die Realität ist also derart: Es ist (i.S. eines Verprechens einer erfahrungsgemäß vertrauenswürdigen Person) sicher dass Gott gut ist, was die eigene Errettung bei Glauben an Jesus Christus beinhaltet. Es ist also genug sicher um Christ zu sein. Es ist dagegen nicht sicher ob Gott (in meinem menschlichen Verständnis) sehr gut ist. Ob es also Grund gibt sich über die Beziehung zu Gott zu freuen und sich ganz Gott zu übergeben weil SEIN Charakter durch und durch gut ist. Hier kann man grundsätzlich keine andere Antwort als einen Glauben haben: den Glauben an eine der möglichen Interpretationen der Realität bis er ggf. durch die Erfahrung dieser Realität bestätigt oder widerlegt wird. Ich glaube: Gott ist maximal gut, sehr gut, durch und durch gut, und zwar so dass Menschen dies sagen würden wenn sie Gottes Charakter durch und durch erkennen würden. Also so dass ich mich ganz Gott anvertrauen kann … .